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Grundannahmen schaffen Wirklichkeiten

Beitrag 11 von 12 der Reihe „25 Worte über das bewegungsvolle Jahr 2020“

Welche Grundannahme triffst du?

Wir sind Anna und Sabina. Als Organisationentwickler haben wir euch bisher durch zehn Impulse zum Jahr 2020 geführt. Mit den letzten beiden Beiträgen möchten wir die Serie beenden und damit gleichzeitig etwas Neues beginnen lassen. Doch mehr dazu in Impuls zwölf. Bei den heutigen Impulsen geht es uns darum, eine der aus unserer Sicht bedeutendsten Fragen unserer Zeit zu stellen: Unter welcher Grundannahme hörst du, sprichst du und nimmst du wahr?

Im öffentlichen Diskurs wirft man sich die Bälle wild hin und her. Meinungen werden diskutiert, Schuldfragen gestellt, das Richtige und das Falsche von links nach rechts geschoben. Das finden wir grundsätzlich gut. Es ist nicht hervorragend, an vielen Stellen wenig hochwertig, doch erst einmal ist es gut, dass wir überhaupt diskutieren und offenbaren, was wir denken und fühlen. Um von gut zu wirksam zu kommen, benötigen wir jedoch zusätzlich auch den Diskurs über oben gestellte Frage. Auf welcher Grundannahme agiere ich gerade?

Unser Wort-Duett von heute: „Grundannahme“ und „Tu es“

Gerade in Zeiten, in denen das eigene Leben schwer von öffentlichen Regeln getroffen wird, kommen Emotionen ins Spiel. Ein Zeichen dafür, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Bewegung ist gut, doch Bewegung kann auch zu instabilen Phasen führen. Genauso verhält es sich auch in Organisationen und erst recht in Zeiten von Veränderung. Aktuell erleben wir sehr viel Instabilität, Unverlässlichkeit, Unvorhersehbarkeit. Es könnte jeden Tag passieren, dass wir uns auf eine erneute Veränderung einstellen müssen. Das wird zwar gerade als Ausnahmezustand ausgerufen, aber in der Tendenz ist diese Art von erlebbarer Realität auch das, worauf wir uns vermutlich zukünftig einstellen sollten. Damit meinen wir nicht das Virus, aber wir meinen die Häufigkeit der Veränderungen. Auch das muss nicht unbedingt in Gesetzen und öffentlichen Regeln passieren, aber es wird unseren Alltag prägen. Allein die hohe Vernetzung durch den Onlinebereich wird dies beschleunigen.

Eigentlich sind wir ja schon mitten drin, in der Achterbahnfahrt, in der alles möglich ist und doch wissen wir nicht, wo sie uns irgendwann einmal hinführen wird.
Wenn also klar ist, dass wir als Gesellschaft vermutlich viel in Bewegung sein werden, dann wird genauso vermutlich auch viel diskutiert werden. Damit wir uns in unseren zukünftigen Dialogen, Gesprächen, Diskussionen und meinetwegen auch Streitgesprächen nicht anfangen im Kreis zu drehen, sondern am Ende gemeinsam nach sinnvollen und nachhaltigen Lösungen suchen (damit ist bitte nicht nur die Ökologie gemeint), benötigen wir ein stärkeres Bewusstsein für den sogenannten Konstruktivismus.

Wir konstruieren mit unseren Annahmen

Der Konstruktivismus ist eines der Erklärmodelle menschlichen Handelns. Deswegen nennt er sich auch konstruktivistisches Handlungsmodell. In den 1980er-Jahren wurde diese Sichtweise immer bedeutender. Ihr liegt die Hauptthese zugrunde, dass Menschen sich nicht einfach nur verhalten, sondern einem subjektiven Sinn folgend handeln. Das schließt schon einmal aus, dass wir nur auf äußere Reize reagieren. Ab sofort sollte also das Argument „wenn er*sie nicht xy getan oder gesagt hätte, hätte ich nicht mit xy reagieren müssen“ ad acta gelegt werden. Lasst es uns bitte aus unserer bestimmt gut gefüllten Argumententasche holen und lieber den Schredder damit füttern.

Als Menschen handeln wir vor allem aus unseren eigenen Gedanken, persönlichen Zielen, Einstellungen und Empfindungen heraus. Wir machen uns im Laufe unserer Lebensjahre ein sehr genaues Bild unserer Wirklichkeit. Und genau das beschreibt der Konstruktivismus. Jeder Mensch baut sich seine eigene Wirklichkeit, keine ist wie die andere. Die Gestaltpsychologie arbeitet auch damit. So sehen wir bestimmt nicht alle das gleiche auf diesem Bild:

     

    Der Konstruktivismus ist eine Erklärung dafür, warum es so viele Varianten an Persönlichkeiten und Charakterzügen gibt. Eine schier unendliche Zahl möchte man fast meinen. Wir „[…] unterscheiden uns von anderen darin, wie wir eine Situation wahrnehmen und interpretieren, was wir für wichtig an ihr halten, welche Implikationen wir in ihr vermuten“ (Systemische Organisationsberatung | König, Volmer S. 29). In jeder einzelnen Situation treffen wir also gewisse Grundannahmen, die uns in unserem Handeln und Reagieren anleiten. Wir hören, sehen und empfinden, was am meisten dieser Grundannahme entspricht, was unserer subjektiven Wirklichkeit entspricht.

    Wie wir unserer eigenen Wirklichkeit bewusst werden

    Lasst uns diese eine wichtige Grundannahme also bewusster in jegliche Gespräche einfließen, egal ob mit dem Partner, mit dem Kollegen, mit einem Kind, dem Nachbarn, egal ob wir den Menschen vor uns zugetan sind oder eher nicht: Wir besitzen alle unsere eigene Wirklichkeit und damit auch Wahrheit. Die Wahrheit gibt es nicht, sie existiert nur in unseren Köpfen. Das ist auch etwas Schönes, schließlich entstehen dort wundervolle Bilder, Träume, Gedanken, Persönlichkeiten.

    Doch wir sind damit auch immer wieder vor die Herausforderung gestellt, mit dieser unseren Wahrheit im Umgang mit anderen bewusst umzugehen. Bewerten wir eine Meinung, eine Handlung, eine Regel, eine Veränderung in unserer Wahrheit als sinnfrei, negativ, völlig daneben, dann werden wir uns aufgrund des Konstruktivismus meist schwer tun, im Gespräch mit anderen auch andere Wahrheiten zu sehen. Wir hatten dieses Phänomen z. B. schon einmal in Beitrag 7 zum Thema Kontrolle und Lerngelassenheit aufgenommen. Dort nannte es sich information bias und erklärte, dass wir vor allem Informationen wahrnehmen, die zum eigenen Weltbild passen.   

    Der Konstruktivismus soll jedoch nicht unser Hindernis sein. Er soll unsere Chance sein, viele Wahrheiten zusammenzubringen, auszutauschen, zu offenbaren und dann zu einer gemeinsamen Wahrheit zu formen. Er hilft uns wunderbar dabei Netzwerke zu gestalten, zusammen kreativ zu sein und eine Organisation, eine Gesellschaft und Welt zu entwickeln, in der wir uns alle wiederfinden können. Und zwar nicht, weil meine individuelle Wahrheit darin gut verpackt ist, sondern weil ich offen anderen Wahrheiten gegenüber war und dadurch Gespräche und Diskurse entstanden sind, die uns in eine sinnhafte Richtung geleitet haben.

    Wir sind, was wir tun und wofür wir uns tagtäglich entscheiden. Eine liebe Kollegin hat uns in der letzten Netzwerkveranstaltung des Jahres 2020 davon erzählt, dass sie aus einem Urlaub eine kleine völlig unverhoffte Begegnung mit zwei Worten hatte: Tu es oder tu ès (französisch, du bist). Sie erzählte, dass diese beiden Worte sie daran erinnern, dass wir Dinge einfach nur tun müssen, denn dann werden wir. Es liegt an uns unseren Wahrheitsraum zu definieren.

    Beherbergen wir nur eine Wahrheit oder sind wir im Denken, im Handeln, im Sprechen wahrhaftig und ehrlich offen für so viele andere Wahrheiten?

    Dieser Frage wollen wir uns in unserem nächsten und auch letzten Impuls in der Reihen „25 Worte über das bewegungsvolle Jahr 2020“ widmen. Dort wartet auch das Aufdecken über unsere Idee für das Jahr 2021 auf euch.

    Seid herzlich eingeladen eure Gedanken zu teilen! Wo erwischt ihr euch in eurer ganz eigenen Wirklichkeit und Wahrheit? Wo fällt es euch leicht, andere Wahrheiten miteinzubeziehen?

    Wir freuen uns auf euch und sagen bis bald!

    Eure Anna & Sabina

    Literatur:

    • Systemische Organisationentwicklung | König, Volmer 2018
    • Erfolgreiches Management von Instabilität | Kruse, 2020
    • Time is honey – Vom klugen Umgang mit der Zeit | Geissler, Geissler 2018
    Scribble Grundannahmen und Aussage tu es

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