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Wirklichkeitsräume und die taktvolle Selbstüberholung

    Beitrag 12 von 12 der Reihe „25 Worte über das bewegungsvolle Jahr 2020“

    Was ist eigentlich wirklich wahr?

    Heute verabschieden wir unsere Impulsreihe „25 Worte über das bewegungsvolle Jahr 2020“ und ergreifen gleichzeitig die Hand zu einem neuen Dialog. Wir sind Anna und Sabina. In den letzten 11 Beiträgen wollten wir euch an den Gedanken teilhaben lassen, die uns als Organisationsentwickler aus dem Jahr 2020 weiterbegleiten können. In unserem letzten Beitrag aus dieser Reihe soll sich alles um die Frage drehen: Was ist eigentlich wirklich wahr? Das letzte Jahr war geprägt von dieser Frage und wir denken, dass uns diese Frage nicht mehr so schnell loslassen wird… außer wir lassen sie los. Und wir glauben, dass es Zeit ist so einiges loszulassen und die Hände und den Kopf wieder freizuhaben für eine neue Art der Wirklichkeit. Denn die Zukunft wird uns brauchen, wenn wir in ihr leben wollen.

    Wir möchten mit euch darüber sprechen, wie wir es schaffen gemeinsame Wahrheiten zu gestalten und was es dazu braucht. Denn mit der großen Menge an Möglichkeiten, an Vernetzung, an Dialogen und hitzigen Diskursen entstehen auch jede Menge Möglichkeiten die Wirklichkeit und die Wahrheit zu sehen.

    Unser Wort-Duett von heute: „Wirklichkeitsräume“ und „Überholspur“

    Damit all das gemeinsam nicht nur funktioniert, sondern auch Spaß macht, schlagen wir eine erste gemeinsame Wahrheit vor: Es gibt keine Wahrheit. Die Wahrheit ist nur, was wir ihr zuschreiben. Es liegt also unbedingt an uns, uns genau zu überlegen, welche Wahrheit wir beschreiben wollen.

    Das Gute daran ist: Wir sind echte Künstler im Beschreiben von Wahrheiten. Es liegt uns quasi im Blut. Um es mit Hararis Worten zu wiederholen: „Das Einmalige ist, dass wir uns über Dinge austauschen können, die es gar nicht gibt“ (Eine kurze Geschichte der Menschheit | Harari 2013, S. 37). Wir brauchen also nichts neu zu lernen, sondern einfach nur das herausholen, was sowieso in uns steckt. Da jeder für sich ein Bewusstsein über die Wirklichkeit und auch über die ein oder andere Wahrheit benötigt – auch wenn es sie vielleicht nicht gibt – müssen wir nur anfangen darüber zu sprechen. So können Wirklichkeitsräume entstehen, in die jeder gerne treten möchte. Ein agileres – also anpassungsfreudigeres – Organisationswesen ist ein Ziel, das viele Organisationen sich gesetzt haben. Nach unserem Erleben steckt dahinter oftmals der Grund im hart umkämpften Spielplatz der Wirtschaft nicht aus dem Sandkasten geschubst zu werden. Doch was, wenn wir mehr daraus machen? Wir könnten z. B. aufstehen, den Staub von den Hosen klopfen und freiwillig aus dem Sandkasten gehen. Denn außerhalb dieses Kastens könnte es noch viel mehr geben. Und genau dahin gilt es hinzusehen, in die Wahrheitsräume, die wir noch gar nicht in Betracht gezogen haben. Lasst uns die Zäune unserer Schrebergärten einreißen und gemeinsam eine Wirklichkeit gestalten, die viel mehr sein kann als die Summe der einzelnen Wirklichkeiten, der einzelnen Schrebergärten.

    Veränderung als neue Wahrheitsräume

    Was ist denn nun gemeint mit diesem philosophischen, abstrakten Sprechen? Wir wollen damit ausdrücken, dass wenn ein anpassungsfreudigeres Organisationswesen entstehen soll, es essenziell wichtig ist, dass wir nicht nur neue Strukturen einführen. Es nützt nichts, wenn wir versuchen den Sandkasten der Wirtschaftsbranche zu verlassen, um dann daneben einen neuen zu bauen. Ein anpassungsfreudiges Organisationswesen wird – gemäß seinem Wesenszug – immer wieder mit Veränderungen umgehen, sie in vielen Fällen vielleicht sogar selbst auslösen. 

    Veränderungen bedeuten automatisch auch, dass wir anfangen über Dinge anders zu denken, Zusammenhänge neu zu erkennen, Menschen neu zu entdecken. Kurz: In jeder Veränderung entwickeln sich neue Wahrheiten und damit auch Wirklichkeiten, und das zunächst für jeden ganz individuell. Damit die Veränderung aber auch organisationsweit wirksam und sinnhaft wird, müssen sich diese neu entwickelten Wahrheiten ja auch wieder zusammenfinden. Im besten Fall von Anfang an. Und das geht vor allem indem wir kommunizieren und sprechen, was das Zeug hält. Wenn nun jeder anfängt laut zu rufen und zu erzählen, haben wir natürlich nicht viel davon. Also braucht es gute Kommunikation. Sie ist auch bekannt unter gewaltfreier Kommunikation oder wertfreier Kommunikation. Wir sind noch dabei einen besseren Begriff zu gestalten. Denn sprachlich „Gewalt“ in Kommunikation einzubinden, ist ein wenig schizophren. Genauso macht es vermutlich keinen Sinn Kommunikation ohne Werte zu begegnen, wie bei der wertfreien Kommunikation. Na ja, ihr seht schon. Wir sind schon mitten drin im Gestalten von Wahrheitsräumen. Wie man sieht: Alles eine Frage der Betrachtungsweise.

    Wahrheitsräume gestalten mit offener Haltung

    Da wir vor allem unsere Sprache haben, um unsere Wirklichkeiten auszutauschen, tut man gut daran, Sprache für sich weiterzuentwickeln. Wir wollen euch an diesem Punkt nicht dazu auffordern einen Rhetorikkurs zu belegen. Sprache beinhaltet ja nicht nur Worte, sondern auch Gestik, Mimik und vor allem eine Haltung, die Wahrheiten offen begegnen kann. Die wahrheitsoffene Kommunikation (wir probieren gleich einen neuen Begriff aus) beinhaltet „strukturell“ nicht viel, aber viel in der Ausführung.

    Die wahrheitsoffene Kommunikation beinhaltet das Verständnis, dass alle Menschen bestimmte Grundbedürfnisse teilen und Strategien entwickeln, um sie zu decken. Wenn sich jemand also verbal aggressiv verhält, dann tut er das sehr wahrscheinlich, weil er glaubt, dass es keinen effektiveren Weg gibt, um sein Bedürfnis zu stillen. Nun ist die Frage: Was ist denn sein Bedürfnis? Wisst ihr immer, welches Bedürfnis ihr gerade habt? Gar nicht so einfach, oder? Die wahrheitsoffene Kommunikation lädt uns ein, in eine Unterscheidung zu gehen, um damit eine stärkere Wahrnehmung für unsere eigenen und die Bedürfnisse anderer zu entwickeln:

      In den Literaturempfehlungen haben wir einen Link hinterlegt, über den ihr zu konkreten Übungen dazu kommt. Wie schwierig das sein kann in eine Unterscheidung zwischen Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte zu kommen – also zwischen Beobachtung und Interpretation – zeigen folgende Versuche einer Trainingsgruppe einen vorgegebenen Satz in Beobachtungen umzuformulieren.

        Anpassungsfreudige Organisationswesen benötigen also unbedingt wahrheitsoffene Kommunikation. Das bedeutet nicht, dass wir ab sofort unser Sätze nur noch in der obigen Struktur bilden sollen. Schließlich soll es vor allem authentisch sein. Aber die Struktur kann einem zum Start helfen das Bewusstsein dafür zu schärfen. Wir erleben, dass die hohe Taktung vieler Organisationen zu Teilen keine mentale und emotionale Kapazität mehr für dieses Bewusstsein zulässt. Der Takt allein ist schon als Struktur kategorisch und lenkt unsere Aufmerksamkeit eher auf die Unterscheidung zwischen „richtig und falsch“, „verlässlich und unverlässlich“, „pünktlich und unpünktlich“, „eingehalten und nicht eingehalten“. Eine Taktung – und dazu kann auch die Struktur des Sprints gehören – ist eine gute Art, um schnell reagieren zu können. Sie vermittelt uns ein wenig mehr Sicherheit, ein Gefühl von Kontrolle und Gewissheit.

        Um jedoch Wahrheitsräume und damit auch Produktivität, Kreativität, Innovation und Freude am Tun in Organisationen wachsen zu lassen, glauben wir, dass es Zeit ist, nun den nächsten Schritt zu machen: Vom Takt in den Rhythmus. Der Rhythmus ist im Unterschied zum Takt natürlich eingebunden. Er ist relativ, variabel, lässt Raum für Veränderungen und Neues. Rhythmen sind wie Jahreszeiten. Sie wiederholen sich und dennoch haben sie jedes Jahr eine andere Qualität, ohne Qualität als Bewertung zu verstehen. Wir haben alle unsere Rhythmen, jedoch passen sie oftmals nicht in den Takt der Organisation. Wer von euch ist vor 10 Uhr eigentlich nicht ansprechbar und muss aber um 8 Uhr schon im ersten Termin sitzen, wo er mühsam versucht einen produktiven Beitrag zu leisten? Wem von euch fällt es schwer nach 16 Uhr tatsächlich noch produktiv zu sein? Wir haben alle unsere Rhythmen. Wenn wir mit offeneren Wahrheitsräumen arbeiten, öffnen wir auch den Raum für Rhythmen. Ich kann Lust auf die Arbeit haben, aber trotzdem erst um 10 Uhr anfangen. Ich kann total engagiert sein und trotzdem um 15 Uhr Feierabend machen. In anpassungsfreudigen Organisationen wird es nicht um die Arbeitszeit gehen, sondern um die Gestaltung von produktiven Räumen.

        Dieses Jahr soll im Zeichen der Anpassungsfreude stehen. Wir wollen nicht nur fähig dazu sein, sondern Spaß daran haben. Und zwar weil wir selbst gestalten, was wir anpassen. Weil die Zukunft uns alle mit wachem Blick, mit Ehrlichkeit, mit Anerkennung von Verletzlichkeit und mit Wahrheitsoffenheit brauchen wird.

        Darüber wollen wir uns in Podcasts mit verschiedensten Leuten aus ganz diversen Bereichen unterhalten. Wir sind noch in der Planung der Podcasts, doch schon bald soll es losgehen. Wir laden euch herzlich ein mitzuhören, eure Gedanken zu teilen und Vorschläge für Themen einzubringen. Wir freuen uns auf euch und den Beginn einer ganz anderen Art von Überholspur… nämlich einer gemeinsamen.        

        Eure Anna & Sabina

        Literatur:

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