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Der Mut zur Verletzlichkeit und der Sieg über das Schamgefühl

Beitrag 4 von 12 der Reihe „25 Worte über das bewegungsvolle Jahr 2020“

Was, wenn jemand ausnutzt, dass ich mich zeige?

Wir sind Anna und Sabina, Organisationsentwickler, und immer umgeben von der Abenteuerwelt Mensch. Wundervoll sind für uns die Momente, in denen sich Menschen in der Zusammenarbeit und im gegenseitigen Verstehen (-Wollen) ein Stück nähergekommen sind. Wir sind Begleiter, Ratgeber und „Befähiger“ auf diesem Weg. Gut und bewegend darin können wir nur sein, wenn wir uns dabei unsere eigene Verletzlichkeit eingestehen.

Unser Wort-Duett von heute: „Schamgrenzen“ und „Nähe in der Distanz“

Verletzlichkeit, Emotionen oder persönliche Bedürfnisse und Ziele haben in der Arbeitswelt oftmals noch keinen Platz. Berufsleben und Privatleben sind kein eingeschweißtes Team. Dennoch entwickeln wir uns durchaus positiv in die Richtung uns für die eher privaten Themen ein Plätzchen im Berufsleben zu verschaffen. Nicht umsonst wählen immer mehr Unternehmen den Weg einer Veränderung und nehmen dafür enorme Instabilität und Leistungseinbrüche in Kauf. Aufschriften auf Fahrzeugen heißen nicht mehr „Mitarbeiter gesucht“, sondern „Wir suchen dich als Kollegen“. Die Mitarbeit als Exekutive und damit als reine Ressource, wird zum intelligenten Köpfchen mit gewaltigen Ideen, persönlichen Stärken und wertvollen Beiträgen für die Organisation, die über die reine fachliche Expertise hinausgehen. Es soll nicht mehr um eine Mitarbeit, sondern um eine Zusammenarbeit gehen. Passt du liebe Organisation denn zu meinen Lebenszielen und vice versa?

Das Verständnis der Zusammenarbeit und die strukturelle wie auch kulturelle Ausrichtung dafür ist eine (über-)lebenswichtige Strategie der Organisationen der Zukunft. Systemisch betrachtet benötigt Komplexität die hellwache und motivierte Zusammenarbeit von Individuen – wir sprechen auch von Netzwerken. Dies bedingt jedoch auch, dass wir uns aufeinander einlassen und aufeinander zugehen. Was wiederum dazu führt, dass wir ein ordentliches Päckchen an Offenheit benötigen. Offenheit bedeutet immer auch ein Stückchen Verletzlichkeit.
Wer erzählt denn bitte den Betroffenen im Unternehmen, dass er plant eine Familie zu gründen? Davon rät einem jeder rechtliche, aber auch allgemeine Karriereratgeber stark ab. Schließlich riskierst du damit nur noch „Dummie-Aufgaben“ zu kriegen, aus wichtigen Projekten und Rollen ausgeschlossen zu werden und als Frau bist du ab diesem Moment sowieso nur noch Mutti. Solange du es also verbergen kannst und rechtlich darfst, verbirg es!

Von deiner Lebensgestaltung zu erzählen, birgt also Risiken, richtig? Deine privaten Ziele zu beschreiben, macht dich verwundbar. Das können wir alle verstehen. Doch deine Wünsche und Träume offenzulegen, zeigt vor allem auch Mut deine eigene Verletzlichkeit anzuerkennen und mit ihr bewusst umzugehen ebenso wie auch verantwortungsvoll mit der Verletzlichkeit anderer umzugehen. Nehmen wir das Beispiel von eben: Stell dir vor, du könntest mit den Betroffenen deiner Organisation darüber sprechen, dass du bald eine Familie gründen möchtest und sie würden dir zuhören. Sie würden dir nicht nur zuhören, sondern mit dir zusammen erarbeiten, wie die Ziele, die ihr als Organisation habt, mit deinem Wunsch der Familiengründung zusammenpassen werden. Stell dir vor, du hättest von Anfang an Klarheit und Sicherheit darüber, wie deine Zusammenarbeit mit deiner Organisation zu deiner Familie passen wird? Das ist Zusammenarbeit und vor allem Zusammenleben.

Brene Brown (Soziologin) beschreibt dies sehr schön: „Die Illusion von Unverletzlichkeit verhindert vielmehr, dass wir uns auf natürlich Art und Weise vor realen Verletzungen schützen“ (frei übersetzt, Daring Greatly 2015, S.40).

Von den zwei Leben unseres Lebens

Wir sind nun schon so weit gekommen, dass wir Work-Life-Balance in unseren Sprachgebrauch aufgenommen haben. Lasst uns doch als nächstes nur noch Balance daraus machen, also ein Leben. Denn eine Frage müssen wir uns sonst lebenslang stellen: Wenn wir ein Berufsleben haben und ein Privatleben, dann führen wir doch zwei Leben, oder? Und wie können wir diese zwei Leben in Einklang miteinander bringen?

Die hohen Home-Office-Anteile in unserer Arbeit haben uns einerseits praktisch dazu gezwungen, die beiden Leben zu vereinen. Auf der anderen Seite bemerken wir auch, wie viel unbewusste Nähe zu unseren Kollegen da war, die wir nun oft schmerzlich vermissen. Ein spontanes Gespräch in der Kaffeeküche, ein kurzer Austausch über den Bildschirm hinweg, ein paar aufmunternde Worte, wenn mir ein Kollege auf dem Flur begegnet und sichtlich traurig oder angespannt aussieht oder einfach nur ein herzliches Anlächeln irgendwo im Büro. Wir werden in Trainings oft gefragt: Was kann ich denn genau tun, um wieder so eine spontane Nähe zu den Kollegen aufzubauen? Wir geben euch gerne ein paar Erfahrungen mit, die wir selbst sammeln konnten:

  • Wenn ihr euch in virtuellen Terminen seht, dann nehmt euch auch hier am Anfang immer Zeit euch kurz nur zu unterhalten.
  • Macht einen virtuellen Arbeitsraum auf, in dem jeder für sich arbeitet und man sich aber auch flexibel austauschen kann.
  • Schickt euren Kollegen per Post Materialien für einen Workshop (z. B. Stift, kleiner Block, Dankeschön-Karte).
  • Trefft euch auf einen Spaziergang (bitte aktuell nur zu zweit) und plant ihn auch fest ein.
  • Bietet einen virtuellen Guten-Morgen-Kaffeeraum an.
  • Bietet konkrete Impulse an, in denen ihr gemeinsam Themen gestaltet oder kleine Hindernisse löst.
  • Sprecht darüber, wie es euch geht und was euch gerade gut tut.
  • Macht einen Rundgang durch eure Wohnung oder euer Haus.
  • Zeigt euch, macht die Kamera an.
  • Sprecht öfter als sonst aus, was ihr gerade denkt und fühlt und das auf eine wertschätzende Art und Weise.

Trotz der genannten Beispiele müssen wir uns immer wieder vor Augen halten, dass wir es hier mit einer Ausnahmesituation zu tun haben. Das bedeutet, dass wir uns darauf konzentrieren müssen, wie wir – jeder für sich und wir zusammen – immer besser darin werden mit dieser Ausnahmesituation umzugehen, ohne zu vergessen, dass es eine Ausnahmesituation ist. Doch wir werden de facto das Gefühl einer Bürokommunikation nicht eins-zu-eins in die virtuelle Welt kopieren können. Was wir jedoch tun können, ist das zu stärken, was wir im Büro ungerne tun, weil wir es anderweitig kompensieren können: Die Anerkennung von Verletzlichkeit.

Du bist nicht dein Schamgefühl

Selbst ein Rundgang durch die Wohnung – ohne vorher nachzusehen ob alles vorzeigetauglich ist – mag für den einen oder anderen schon eine echte Herausforderung sein. Man lässt einen Blick in sein Privatleben zu. Kameras werden ausgemacht oder Hintergrundfilter gesetzt. Wir trauen uns an ganz vielen Stellen nicht uns zu zeigen, weil wir Angst davor haben, dass wir etwas sehen lassen, dass uns verletzlich machen könnte. Zeigen zerzauste Haare, dass jemand unordentlich ist? Zeigt ein Kleiderschrank im Hintergrund, dass man sich keine größere Wohnung leisten kann? Zeigt ein Kapuzenpulli, dass man eine Couch-Potato ist?

Die einzig richtige Antwort darauf ist: Ich weiß es nicht.

Als soziale Wesen streben wir immer danach sozial-kompatibel zu sein, je nachdem welchem sozialen System wir uns zugehörig fühlen wollen. Wir stellen dabei Hypothesen auf und lassen sie in unserem Kopf Realität werden. Das hindert uns daran eine stärkere Nähe aufzubauen. Wir fürchten uns davor etwas zu zeigen oder auszusprechen, weil wir uns für viele Dinge schämen. Allein das Wörtchen für weist darauf hin, wohin das zwangsweise führt: Wir bemessen unseren Wert als Mensch daran, was wir tragen, was wir leisten, welche Ergebnisse wir erarbeiten oder wie wir aussehen. Nähe in der Distanz aufzubauen, bedeutet diese Schamgrenzen zu überwinden. Brene Brown trifft auf den Punkt, wie wir uns „ganz einfach“ von dem Wort shame lösen können: „Shame derives its power from being unspeakable. That’s why it loves perfectionists – it’s so easy to keep us quiet. If we cultivate enough awareness about shame to name it and speak to it, we’ve basically cut it off at the knees.” (Daring Greatly 2015, S. 58)

Unabhängig davon, ob wir vornehmlich virtuell oder persönlich kommunizieren, gilt immer die Devise: Ausgesprochenes verliert seine Bedrohlichkeit. Lasst uns anfangen uns darin zu üben, lasst uns damit experimentieren. Aus unseren eigenen Übungen können wir euch versichern: Es hat sich bisher noch immer gelohnt.

Wir werden die Besprechbarkeit vieler Themen in unseren Fokus setzen müssen, wenn wir die sogenannte Netzwerkintelligenz in Wirkung bringen wollen. Darüber möchten wir mit euch im nächsten Beitrag sprechen.

Bis dahin interessiert uns aber natürlich: In welcher Situation hat es euch geholfen euch ganz privat und persönlich zu zeigen? Für was schämt ihr euch immer wieder? Wer oder was unterstützt euch konkret dabei ein Schamgefühl loszuwerden?

Eure Anna & Sabina

Literatur

  • Daring Greatly – How the courage to be vulnerable transforms the way we live, love, parent and lead 2015 | Brene Brown
Zeichnerische Darstellung von Schamgrenzen und Nähe in der Distanz

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istock/pinkypills

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